Prüfpunkt IL’Objekt
Ein Restaurantführer ist zunächst ein Gegenstand, und als Gegenstand macht der Gault&Millau eine gute Figur. Er liegt schwer in der Hand und signalisiert: Hier wurde geurteilt. Restaurant-, Wein- und Hotelguide gibt es im Paket zu 49,95 Euro. Das Lesebändchen ist vorhanden und funktionstüchtig. Es wird, so viel sei vorweggenommen, das Zuverlässigste in diesem Werk bleiben.
Prüfpunkt IILa Selbstdarstellung
Ein Guide verrät viel darüber, wie er sich selbst sieht. Präsentiert wurde die neue Ausgabe am 19. Oktober im Hilton Vienna Park, und bei dieser Gelegenheit wurde der „Koch des Jahres“ zum „Chef of the Year“. Der Inspektor wertet das als Zeichen eines Hauses, das seine Leser:innen eher in der Flughafenlounge vermutet als im Wirtshaus. Ob die Leser:innen das auch so sehen, wurde nicht erhoben.
Prüfpunkt IIILes Kritiken
Das Kerngeschäft eines Restaurantführers ist der Text: Er soll beschreiben, einordnen, urteilen. Hier, wo man diesen Text erwarten würde, erwartet einen ein Quadrat. Schwarz auf Weiß, streng gerastert, von bemerkenswerter Zurückhaltung. Ein QR-Code. Und auf der nächsten Seite noch einer. Und dann wieder einer.
Der Inspektor hat in seiner Laufbahn viele Restaurantführer geprüft. Einen, den man nicht lesen, sondern scannen muss, hatte er noch nicht in Händen. Er hielt sein Telefon über Seite um Seite wie ein Wünschelrutengänger über eine Wiese. Die Adjektivdichte des gedruckten Teils ließ sich nicht ermitteln, weil es keinen gedruckten Teil gab, in dem man sie hätte ermitteln können. Unsere Strichliste für das Wort „Umami“ blieb erstmals leer.
Gegen 16:10 Uhr meldete das Telefon zwölf Prozent Akku. Der Inspektor setzte die Prüfung an der Steckdose fort, kniend, was der Würde des Anlasses durchaus entsprach.
Prüfpunkt IVLe Leitmotiv
Wer sich durch die Codes zu den Texten scannt, landet früher oder später bei der Region. Eigentlich landet man ausschließlich bei der Region. Sie ist das Leitmotiv dieses Guides, so wie das Meer bei Homer. Der Inspektor hat versucht, ihr zu entkommen, es ist ihm nicht gelungen.
Dabei ist in der Sprache der Kritik ein bemerkenswerter Trend zu beobachten: Der Radius schrumpft. Früher kam das Lamm aus dem Bundesland. Dann aus dem Tal. Dann vom Bauern ums Eck, dann aus dem eigenen Garten, dann aus dem Hochbeet hinter der Küche. Der Inspektor rechnet damit, dass die Kresse in der Ausgabe 2028 vom Fensterbrett des Patissiers stammt und der Saibling den Koch persönlich gekannt hat. Er hatte einen Namen. Er hatte, so heißt es, eine schöne Kindheit. Il s’appelait Gérard.
Die Redaktion hat nichts gegen Regionalität. Sie fragt sich nur, wie viel ein Guide über ein Lokal aussagt, wenn er über alle Lokale dasselbe sagt.
Prüfpunkt VLa Skala
Ein Urteil ist nur so gut wie die Skala, auf der es steht. Die Zahl der Vierhauben-Häuser ist laut Haus von 82 auf 97 gestiegen. Die Inflation hat damit auch die Kopfbedeckung erreicht, und eine Haube sagt heute etwas weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig vergibt der Weinguide erstmals 100 Punkte, nachdem man bisher mit 20 ausgekommen war. Wir begrüßen, dass das Haus seine Skala nach oben geöffnet hat. Le Guide Lekka hat seine Skala nach unten geöffnet. Ensemble umspannen wir nun 2725 Einheiten, und man darf sagen: Österreich ist so vermessen wie nie.
Prüfpunkt VIUn Präzedenzfall
Die Redaktion möchte festhalten, dass ein Wert unter −20 Löffeln in unserem Regelwerk nicht vorgesehen ist. Der Inspektor hat ihn trotzdem ermittelt. Nach mehrstündiger Beratung, zwei Kannen Verbenentee und einer Abstimmung, die knapp ausging, wurde die Skala für diesen Fall nach unten geöffnet. Wir betonen: Es handelt sich nicht um eine Abwertung, sondern um eine Erweiterung unseres Horizonts. Der Gault&Millau ist damit der erste Guide, der die Ausgangslage unterschritten hat. Wir gratulieren. Félicitations.
Prüfpunkt VIILe Nutzwert
Am Ende muss ein Restaurantführer eine einzige Frage beantworten: Wo soll ich heute essen? Der Inspektor stellte sie dem Werk ernsthaft. Das Register half, sauber und ganz ohne QR-Code. Die Antwort selbst lag dann wieder hinter einem Quadrat, und das Telefon lud noch.
L’AdditionKriterien im Einzelnen
| Kriterium | Anmerkung | Löffel |
|---|---|---|
| Lesbarkeit ohne Telefon | Quadrate, soweit das Auge reicht | −1700 |
| Regionalität als Leitmotiv | Radius schrumpft jährlich, derzeit Hochbeet | −100 |
| Akkuverbrauch des Inspektors | Von 100 auf 12 Prozent, Lektüre kniend beendet | −412,5 |
| Adjektivdichte (gedruckt) | Null. Das irritiert. | −300 |
| Aussagekraft der Skala | 82 auf 97 Vierhauber | −100 |
| Umami-Quote | Strichliste erstmals leer | −13 |
| Lesebändchen | Treuer Begleiter, kein Ausfransen | 0,5 |
Normalerweise wird der Gesamtwert nach Gefühl ermittelt, wie in der Branche üblich. In diesem Fall hat die Redaktion ausnahmsweise gerechnet. Es ging sich genau aus.
Le Guide Lekka ist eine Satire. Dieser Bericht beschreibt die subjektiven Leseeindrücke einer fiktiven Person und ist nicht als Tatsachenbehauptung über das besprochene Werk gemeint. Wir haben das Buch gern gescannt.